Orientierung für ein gelingendes Leben
Chancen und Aufgaben des Religionsunterrichts

Religiöse Erziehung: Heute noch zeitgemäß?

„Hat Kopf, Hand, Fuß und Herz“ heißt ein Druck von Paul Klee, der in unserem Lehrerzimmer hängt. Kopf, Hände und Füße sind beziehungslos auf die vier Ecken des Bildes verteilt. In der Mitte befindet sich auf einem zartroten Kreuz, das ganz schwach sichtbar an die isolierten Körperteile heranreicht, ein kleines rotes Herz.

Die Situation der Schülerinnen und Schüler

Die Gefühle im Mittelpunkt, das Denken und Handeln an den Rand gedrängt – das ist die Situation, die wir bei Schülerinnen und Schülern nicht selten vorfinden. Ihre Fragen, Ängste und Sorgen sind manchmal so bedrängend, dass der Kopf nicht frei und Hände und Füße wie gelähmt sind.  Konflikte im Elternhaus, Schulversagen, bedrückende Zukunftsperspektiven, zerbrochene Freundschaften, unerfüllte Sehnsüchte, Tod... machen ihnen die Grenzen des Menschen bewusst und werfen die Frage nach dem Sinn des Lebens und letztlich nach Gott auf.

Augustinus-Tag: Gottesdienst auf dem Schulhof

Chancen und Aufgaben des Religionsunterrichts

Der Ort, wo Schüler/innen und Lehrer/innen in besonderer Weise über die grundlegenden Fragen des Lebens und über Gott miteinander in ein offenes Gespräch treten, ist der Religionsunterricht, der in jeder Klasse in zwei Wochenstunden erteilt wird. Die Sinnangebote des christlichen Glaubens bieten keine fertigen Rezepte. Deshalb machen sich die Religions- lehrer/innen mit den Schüler/innen gemeinsam auf den Weg,

  • um Hilfe zu geben, die eigene Situation zu erkennen
  • um Erfahrungen des Vertrauens im eigenen Leben aufzuspüren
  • und Orientierung für ein gelingendes Leben auf der Grundlage des christlichen Glaubens zu suchen. Orien- tierung setzt Kenntnis voraus. Wenn ich mich an etwas/jemandem orientiere, das/den ich nicht kenne, muss ich mich nicht wundern, wenn ich nie dort ankomme, wo ich eigentlich hinwollte.

Deshalb ist es wichtig, dass die Schüler/innen gründliche Kenntnisse über ihren Glauben gewinnen und über die biblischen und theologischen Lerninhalte auch mit dem christlichen Welt- und Menschenbild und den christlichen Werten vertraut gemacht werden.

Wissensvermittlung allein reicht aber nicht aus, damit sich die jungen Menschen zu selbstbewussten, in sich gefestigten Persönlichkeiten entwickeln, die Verantwortung übernehmen und gesellschaftlichen Zwängen widerstehen können. Wichtiger ist dafür eine Grunderfahrung, die sie im Raum Schule machen sollten: Ich bin etwas wert - auch wenn ich nicht das kann, was die anderen können. Ich bin - so wie ich bin - von Gott gewollt und geliebt.

Schulleben

Lebens- und Glaubensüberzeugungen sind nicht das Ergebnis kognitiver Lernprozesse, sondern sie entfalten sich nur im gelebten Vollzug. Daher finden christliche Werte und Rituale, die die Jugendlichen im Religionsunterricht kennengelernt haben, ihren Platz im Schulalltag. Dazu zählt u. a. die Einübung eines christlichen Lebensstils, der sich im rücksichtsvollen Miteinander, der Toleranz gegenüber dem Andersartigen und in der Bewahrung der Schöpfung zeigt.

Morgengebet, Morgenkreis, Phantasiereisen, Meditationsübungen, Malen von Mandalas und von Schülern vorbereitete Wortgottesdienste und Eucharistiefeiern unterbrechen die Hektik des Schulmorgens und geben Kraft und Anregung für das christliche Handeln aus dem Glauben.

Besonders in den Gottesdiensten, die Herr Kaplan Herrmann und Herr Diakon Spanehl mit jeweils zwei Klassen einer Jahrgangsstufe in Hl. Kreuz und in der Kapelle des St.-Bernward-Krankenhauses feiern, können die Schüler/innen ihre eigene Lebenssituation zum Ausdruck bringen. Dies geschieht mit Kopf, Hand und Herz in Gesprächen, Schreibmeditationen, eigenen Anspielszenen aus dem Schulalltag, den selbst formulierten Fürbitten und Texten, in Bildern und Collagen und der Auswahl der Lieder. Im Gottesdienst hören sie dann im Bibeltext Worte, die sie mit ihren eigenen Erfahrungen in Beziehung setzten können.

„Eine der christlichen Glaubenswelt immer distanzierter gegenüberstehende Jugend soll ihrer eigenen Herkunft und Kultur nicht so entfremdet werden, dass sie schließlich nicht einmal mehr mit den Bezeichnungen der Feste, die im Kalender stehen, etwas anfangen kann“. (Halbfas, Hubertus, Nach vorn gedacht). Wie soll der Religionsunterricht in der nachchristlichen Gesellschaft aussehen?, in: rhs (1992): 372-378.

                                                                         Fronleichnamsprozession mit Bischof Josef


Leider wird die von Halbfas befürchtete Entfremdung immer mehr zur Realität. Deshalb wird auf eine bewusste Gestaltung des kirchlichen Festkreises besonderer Wert gelegt. Das beginnt mit dem Adventskranz im Klassenzimmer, dem Adventssingen am Montagmorgen, und der adventlichen Frühschicht in der Turnhalle und dem Singen im Magdalenenhof.

Weitere Akzente setzen der Gottesdienst am Aschermittwoch, die Fastenaktionen und die gemeinsamen Gottes- dienste, zu denen sich die ganze Schulgemeinschaft am Augustinus-Tag oder am Weihetag der Schule zusammenfindet - auf dem Schulhof, im Dom oder zur Wallfahrt.

Einen besonderen Aspekt gelebter Religiösität setzt Herr Kuttner seit Jahren mit seinen jeweiligen Klassen, wenn es darum geht, im November die Gräber der gefallenen Soldaten beider Weltkriege und der Bombenopfer des Luftangriffs auf Hildesheim (23.03.1945) auf dem Nordfriedhof zu schmücken. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

2007 startete die St.-Augustinus-Schule mit einem eigenen Firmprojekt. Nach einer entsprechenden Vorbereitung unter der Leitung von Stefanie Ehrhardt-Weiß und Franz-Josef Steiner spendete Bischof Norbert Trelle 13 Schülern/Innen im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes das Sakrament der Firmung. Seit dem findet alle 2 Jahre eine Firmfeier an unserer Schule statt, so 2010, 2012 und zuletzt 2014. Näheres zu diesem Projekt finden Sie hier.

 

(Maria Becker/Jürgen Kuttner/Franz-Josef Steiner)